Die Sassi sind kein Stadtviertel wie andere: Sie sind in den Kalkstein hineingeschlagen. Wohnhöhlen, Zisternen, Treppen und Kirchen bilden ein Gefüge, das über Jahrtausende gewachsen ist – und in dem bis vor siebzig Jahren noch Tausende Menschen lebten. Heute stehen sie auf der Welterbeliste der UNESCO.
Was die Sassi eigentlich sind
Matera liegt am Rand einer Schlucht, der Gravina. In deren weichen Kalkstein haben Menschen seit prähistorischer Zeit Höhlen getrieben, erweitert, überbaut und wieder aufgestockt. Was von außen wie eine gestapelte Häuserstadt aussieht, ist zu großen Teilen Aushöhlung: Das Baumaterial für die Fassade stammt aus dem Raum, der hinter ihr entstand. Wer eine Mauer sieht, sieht deshalb oft nur den Vorbau – der eigentliche Wohnraum liegt dahinter im Fels.
Der Stein selbst macht das möglich. Er lässt sich frisch aus dem Bruch mit der Säge schneiden und härtet an der Luft nach. Dieselbe Eigenschaft, die den Bau erleichterte, macht ihn empfindlich: Feuchtigkeit und Salze zersetzen ihn, weshalb viele Fresken in den Felsenkirchen nur in Resten erhalten sind.
Zwei Viertel, zwei Charaktere
Die Sassi bestehen aus zwei Bereichen, getrennt durch den Felssporn der Civita, auf dem die Kathedrale steht.
Der Sasso Caveoso im Süden wirkt archaischer. Hier liegen die Höhlen offener am Hang, in Terrassen über der Schlucht, gestaffelt wie die Ränge eines antiken Theaters – daher der Name. Der Sasso Barisano im Norden ist stärker überbaut, mit Steinfassaden, Portalen und Gassen, die eher an eine gewöhnliche Altstadt erinnern – bis man merkt, dass die Räume dahinter im Fels liegen.
Innerhalb beider Viertel gliederten sich die Bewohner in Rioni – kleine Nachbarschaften mit eigener Kirche und gemeinsamem Hof.
Wasser als Schlüssel
Ohne ein durchdachtes Wassersystem wäre die Besiedlung nicht möglich gewesen. Der Kalkstein ist durchlässig, Quellen gibt es kaum. Regenwasser wurde deshalb über Dächer, Terrassen und Rinnen gesammelt und in Zisternen geleitet, die ebenfalls in den Fels geschlagen sind. Fast jede Wohnhöhle hatte ihre eigene. Die größte gemeinschaftliche Anlage, der Palombaro Lungo, liegt unter dem zentralen Platz der Oberstadt und hat die Ausmaße einer Kathedrale.
Vom Elend zum Welterbe
Im 20. Jahrhundert wurden die Sassi zum Sinnbild bitterer Armut. Familien lebten mit ihren Tieren in fensterlosen Höhlen; Wasser war knapp, die Luft schlecht, die Kindersterblichkeit hoch. Carlo Levi beschrieb die Zustände in Christus kam nur bis Eboli, und nach dem Krieg sprach die italienische Politik von der „nationalen Schande“.
Ab den 1950er-Jahren wurden die Bewohner per Gesetz in neu gebaute Viertel am Stadtrand umgesiedelt – rund fünfzehntausend Menschen. Die Sassi standen danach jahrzehntelang leer und verfielen. Erst spät begann die Umkehr: 1993 nahm die UNESCO die Sassi und den Park der Felsenkirchen in die Welterbeliste auf, 2019 war Matera Europäische Kulturhauptstadt. Heute sind viele Höhlen restauriert – als Wohnungen, Hotels, Werkstätten und Museen.
Diese Geschichte ist der Grund, warum ein Besuch hier anders ausfällt als in anderen Altstädten: Was heute als schön gilt, war bis vor kurzem ein Ort, aus dem man Menschen herausholte. Casa Noha erzählt diesen Bruch in einer halben Stunde.
Wie man die Sassi am besten erlebt
Zu Fuß, und zweimal aus verschiedenen Richtungen. Einmal von außen – vom gegenüberliegenden Hang der Murgia, wo die Stadt in voller Breite über der Schlucht liegt. Und einmal von innen, in einer eingerichteten Wohnhöhle, wo aus der Silhouette ein Haushalt wird.
Für den Rundgang selbst gilt: feste Schuhe, denn fast jeder Weg führt über Treppen und glatt gelaufenes Pflaster. Wasser mitnehmen, weil es unterwegs kaum Schatten gibt. Und Zeit einplanen – die Wege sind kurz, aber niemand geht sie schnell.
Wann man kommt
Frühjahr und Herbst sind angenehm, der Hochsommer ist auf dem hellen Stein hart. Innerhalb des Tages gilt die einfache Regel: morgens und in der letzten Stunde vor Sonnenuntergang steht die Sonne flach, dann zeichnen sich die Terrassen plastisch ab. Mittags wirkt derselbe Hang flach und blass – die Zeit für Museen und alles unter der Erde.
Weiterlesen
- Sasso Caveoso – das südliche Viertel über der Schlucht
- Sasso Barisano – das nördliche, stärker überbaute Viertel
- Die Gassen der Sassi – welcher Weg wohin führt
- Felsenkirchen in und um Matera – die Kirchen im Stein
- Aussichtspunkte in Matera – von wo aus man das Ganze sieht
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