Von außen wirken die Sassi wie ein einziger Hang. Wer dort gelebt hat, sah das anders: Das Viertel war in Rioni gegliedert, kleine Einheiten mit eigenem Namen, eigener Kirche und eigenem Hof. Diese Grenzen stehen heute in keinem Stadtplan mehr – die Namen aber halten sich.
Was ein Rione war
Kein Verwaltungsbezirk, sondern eine Nachbarschaft. Die kleinste Einheit war der vicinato: ein gemeinsamer Hof, um den mehrere Wohnhöhlen lagen, mit einer Zisterne und oft einem Backofen in der Mitte. Dort wurde gewaschen, gearbeitet und Kinder beaufsichtigt. Mehrere solcher Höfe bildeten einen Rione, benannt meist nach seiner Kirche.
Diese Struktur erklärt, warum die Umsiedlung der 1950er-Jahre für viele ein Bruch war und nicht nur eine Verbesserung: Die neuen Wohnungen hatten Fenster, fließendes Wasser und Strom – aber keinen Hof. Mehr dazu auf der Seite über die Höfe und Felsgärten.
Die Namen
Auf alten Plänen und in den Erzählungen der Stadt tauchen immer wieder dieselben Bezeichnungen auf:
- Casalnuovo – der südliche Ausläufer des Sasso Caveoso, dort wo die Bebauung in den Hang ausläuft. Der Name heißt schlicht „neue Siedlung“ und meint eine späte Erweiterung.
- Malve – der Bereich um die Klosterkirche Santa Lucia alle Malve im Caveoso.
- Pianelle – benannt nach den flachen Felsstufen, aus denen der Hang hier besteht.
- San Biagio – im Sasso Barisano, um die gleichnamige Kirche.
- Castelvecchio – der obere Rand in Richtung der alten Befestigung, lange vor dem Castello Tramontano angelegt.
Dazu kommt die Civita, der Felsrücken zwischen den beiden Sassi – der älteste Kern und zugleich der einzige dieser Bereiche, der bis heute als eigener Ort wahrgenommen wird.
Warum die Grenzen unscharf sind
Die Rioni sind über Jahrhunderte gewachsen, nicht geplant worden. Ihre Ränder verliefen dort, wo eine Treppe endete oder ein Fels den Weg versperrte. Nach der Räumung wurde nichts davon fortgeschrieben. Wer heute nach einer Karte mit klaren Linien sucht, wird sie nicht finden – und sollte die Namen als das nehmen, was sie sind: Erinnerungen an eine Ordnung, die aus dem Zusammenleben entstand und mit ihm verschwand.
Weiterlesen
- Die Sassi di Matera – der Überblick über beide Viertel
- Die Gassen der Sassi – wie man sich heute darin bewegt
- Die Höhlenwohnungen der Sassi – wie in den Rioni gewohnt wurde




