Auf einem Tuffelsen über dem Bradano-Tal, 833 Meter hoch, steht eines der schönsten Dörfer Italiens: Acerenza, die „Città Cattedrale“. Ihr Dom gilt als bedeutendster romanischer Kirchenbau der Basilikata, und der mittelalterliche Ortskern ist fast unverändert geblieben. Von Matera sind es etwa eineinhalb Stunden.
Acerenza hat rund 2.000 Einwohner und gehört zu den „Borghi più belli d’Italia“, den schönsten Dörfern Italiens. Schon in der Antike war der Ort als Acheruntia bekannt, Livius und Horaz erwähnen ihn; im 5. Jahrhundert wurde er Bischofssitz. Wer heute hinauffährt, sieht den Dom schon von weitem über der Hochebene stehen.
Sehenswürdigkeiten in Acerenza
Cattedrale di Santa Maria Assunta e San Canio
Der Bau wurde 1059 unter Robert Guiskard begonnen, 1080 geweiht und im 11. bis 13. Jahrhundert fertiggestellt: 69 Meter lang, 23 Meter breit, dreischiffig, romanisch nach cluniazensischem Vorbild mit gotischen Elementen. Umbauten folgten 1281 und nach dem Erdbeben von 1524. Die Kirche steht über einem frühchristlichen Vorgängerbau, der wiederum einen Tempel des Hercules Acheruntinus ersetzte. 1954 wurde sie zur Basilica minor erhoben.
Chorumgang mit Radialkapellen
Die architektonische Besonderheit steckt hinter dem Altar: ein Umgang um den Chor mit strahlenförmig angesetzten Kapellen. Diese aus Frankreich stammende Lösung ist im süditalienischen Kirchenbau sehr selten – allein dafür lohnt der Weg.
Cripta Ferrillo
Die Krypta von 1524 gaben die Grafen Ferrillo-Balsa in Auftrag, gestaltet nach dem Vorbild der Cappella del Succorpo von San Gennaro in Neapel: verzierte Säulen, Reliefs und Fresken von Giovanni Todisco da Abriola mit Aposteln, Evangelisten und einer Anbetung der Könige. Der Ort trägt eine bekannte Erzählung mit sich: Hier soll Maria Balsa begraben sein, angeblich eine Tochter des Vlad Țepeș, des historischen Dracula. Belegt ist das nicht – es ist eine lokale Legende, die bis heute Besucher anzieht.
Kunstwerke im Dom
Sehenswert sind die Holzbüste des San Canio aus dem 17. Jahrhundert, die eine steinerne Büste des 8. Jahrhunderts umschließt, das Polyptychon „Madonna del Rosario“ von Antonio Stabile aus dem Jahr 1583 mit den fünfzehn Rosenkranzgeheimnissen und eine Pietà von 1570 im linken Querschiff.
Altstadt, San Laviero und Museo Diocesano
Der Ortskern ist ein verwinkeltes Gassennetz mit immer neuen Blicken über das Bradano-Tal. Dazu kommen die Kirche San Laviero Martire von 1065 und das Diözesanmuseum für sakrale Kunst.
Anreise von Matera
Mit dem Auto sind es rund 83 Kilometer und etwa eineinviertel bis anderthalb Stunden über die SS 655 Bradanica und Landstraßen; die letzten Kilometer sind kurvige Bergstraße. Öffentlich ist der Ort praktisch nicht zu erreichen: Der Bahnhof Acerenza liegt sechs Kilometer entfernt und mehrere hundert Höhenmeter tiefer.
Geparkt wird etwa 200 Meter vor dem Ortskern; in die Gassen fährt man nicht hinein. Der Ort ist klein und in eineinhalb bis zwei Stunden zu Fuß erschlossen, aber durchgehend steil und mit Kopfsteinpflaster.
Beste Reisezeit
Mai, Juni, September und Oktober sind am schönsten. Wegen der Höhe ist es hier auch im Hochsommer angenehmer als im Tal, im Winter dafür kalt und windig. Der Stadtpatron San Canio wird am 25. Mai und am 1. September gefeiert, dann ziehen Prozessionen durch den Ort. Im Oktober und November läuft die Weinlese – auch Acerenza gehört zum Anbaugebiet des Aglianico del Vulture.
Eine Geschichte am Rande
An der Domfassade stand jahrhundertelang eine Marmorbüste, die als Bildnis des Stadtpatrons San Canio verehrt wurde. Nach heutiger Forschungsmeinung zeigt sie den römischen Kaiser Julian Apostata, der im 4. Jahrhundert zum alten Götterglauben zurückkehrte. Inzwischen ist die Büste ins Museum gewandert und durch ein Kreuz ersetzt worden.
Ein Tag in Acerenza
Acerenza allein füllt einen halben Tag. Gut kombinieren lässt es sich mit Venosa, 35 Kilometer entfernt: morgens Acerenza, nachmittags Venosa, weil die Ausgrabungen dort mehr Zeit brauchen. Auf dem Rückweg liegt der Stausee Lago di Acerenza für eine Pause.