Kaum ein Ort der Basilikata erzählt auf so engem Raum so viel Geschichte: Venosa war römische Kolonie an der Via Appia, Geburtsstadt des Dichters Horaz, frühchristlicher Bischofssitz, Begräbnisort normannischer Grafen – und liegt heute mitten im Weinland des Aglianico del Vulture. Von Matera sind es gut eineinviertel Stunden.
Venosa liegt auf 415 Metern Höhe im Norden der Basilikata, rund 10.500 Menschen leben hier. Wer aus Matera kommt, erlebt einen Ortswechsel: keine Höhlenstadt, sondern eine flache, gut begehbare Altstadt aus hellem Stein, davor ein Kastell mit vier Türmen und am Ortsrand ein Ausgrabungsgelände, das bis in die Zeit vor Christi Geburt zurückreicht.
Was Venosa besonders macht
291 vor Christus gründeten die Römer hier die Kolonie Venusia an der Via Appia, der wichtigsten Straße zwischen Rom und Brindisi. 65 vor Christus wurde in dieser Stadt Quintus Horatius Flaccus geboren, der Dichter Horaz – Venosa nennt sich deshalb bis heute „città oraziana“. Später kamen die Normannen, im 15. Jahrhundert die Familien Del Balzo und Gesualdo. Von all diesen Schichten steht noch etwas.
Sehenswürdigkeiten in Venosa
Parco Archeologico
Das Ausgrabungsgelände liegt etwa anderthalb Kilometer nordöstlich des Zentrums, gleich neben der Abtei. Zu sehen sind ein großer Thermenkomplex aus dem 1. Jahrhundert nach Christus, ein Wohnhaus mit Mosaikböden, gepflasterte Straßenzüge und das Amphitheater. Das Gelände ist uneben und schattenlos – feste Schuhe und Sonnenschutz lohnen sich.
Abbazia della Santissima Trinità und die „Incompiuta“
Die Klosteranlage ist der eindrucksvollste Ort der Stadt. Sie besteht aus der alten Kirche, die über einem frühchristlichen Bischofskomplex und einem römischen Wohnhaus steht, und der „Incompiuta“, der Unvollendeten: Ende des 11. Jahrhunderts begannen die Normannen hier eine große Basilika und ließen sie im Rohbau stehen. Gebaut wurde mit dem, was da war – in den Mauern stecken antike Steine aus dem Amphitheater und Grabplatten eines aufgegebenen jüdischen Friedhofs aus dem 9. Jahrhundert. Drei Religionen und ein Jahrtausend Baugeschichte an einer einzigen Wand.
Jüdische Katakomben
Am Colle della Maddalena liegen jüdische Katakomben aus dem 4. bis 6. Jahrhundert mit über siebzig Inschriften auf Griechisch, Lateinisch und Hebräisch, dazu eingeritzte Menorot, Lulav und Schofar. Sie gelten als eines der wichtigsten Zeugnisse spätantiken Judentums in Süditalien. Gleich daneben liegen christliche Katakomben. Der Zugang ist nur mit Begleitung möglich, deshalb vorher beim Archäologischen Park oder der Gemeinde nachfragen.
Castello Pirro del Balzo und Museo Archeologico
Die Vierturmburg von 1470 steht mitten im Ort. In ihren halbunterirdischen Gängen zeigt das Nationale Archäologische Museum Funde von der Vorgeschichte bis in die Spätantike.
Concattedrale di Sant’Andrea und Fontana Angioina
Die Kirche entstand zwischen 1470 und 1502 in der Zeit der Del Balzo, dreischiffig und mit Spitzbögen. Vor dem Ort sprudelt der Brunnen von 1298, in dem römische Löwen und Säulenfragmente verbaut sind.
Casa di Orazio
Der halbrunde römische Bau mit Netzmauerwerk heißt im Volksmund „Haus des Horaz“. Tatsächlich gehört er zu einer römischen Thermen- beziehungsweise Saalanlage; das Geburtshaus des Dichters ist er nicht. Schön anzusehen ist er trotzdem.
Anreise von Matera
Mit dem Auto sind es rund 87 bis 90 Kilometer, je nach Route etwa eineinviertel bis anderthalb Stunden, hauptsächlich über die SS 655 Bradanica und weiter über Landstraßen. Öffentlich ist Venosa für einen Tagesausflug kaum zu erreichen: Busse fahren nur mit Umstieg, und der Bahnhof „Venosa-Maschito“ liegt außerhalb. Wer keinen Mietwagen hat, verbindet den Besuch besser mit einer geführten Tour.
Im Ort parkt man am Rand des Zentrums, etwa am Piazzale Mario de Bernardi oder in der Via Fornaci. Zum Archäologischen Park fährt man besser hin, statt zu laufen.
Beste Reisezeit
April bis Juni und September bis Oktober sind ideal. Im Hochsommer ist das Ausgrabungsgelände ohne Schatten sehr heiß. Feste Termine im Jahr: das Patronatsfest San Rocco am 16. August und die Madonna delle Grazie am ersten Sonntag im Juli. Im Frühjahr, meist Ende April, findet am örtlichen Gymnasium das Certamen Horatianum statt, ein internationaler Horaz-Übersetzungswettbewerb. Im Oktober und November läuft die Weinlese des Aglianico – gute Zeit für einen Besuch in einem Weingut.
Ein Tag in Venosa
Vormittags das Kastell mit dem Museum und die Altstadt, mittags eine Pause an der Piazza, nachmittags Abtei und Archäologischer Park, zum Schluss die Katakomben, sofern eine Führung möglich ist. Wer mehr Zeit hat, hängt Melfi an: Die beiden Orte liegen nur 23 Kilometer auseinander und ergeben zusammen den klassischen Vulture-Tag.