Die mittelalterliche Basilikata abseits der großen Touristenströme: Eine knappe Autostunde westlich von Matera steht eine Stadt, deren Geschichte man noch im Straßenplan lesen kann – zwei Viertel arabischen Ursprungs, zwei normannische, ein 27 Meter hoher Wehrturm über dem Basento-Tal und kaum ein Reisebus.
Tricarico liegt auf 698 Metern Höhe auf einem Bergrücken über dem Basento-Tal, gut 50 Kilometer von Matera entfernt – mitten in der Basilikata, der am dünnsten besiedelten Region Süditaliens. Rund 4.600 Menschen leben hier. Wer aus den Sassi kommt, erkennt vieles wieder – enge Gassen, Stein, Treppen, Blick ins Tal – und findet doch etwas anderes: eine Altstadt, die nicht für Besucher hergerichtet wurde.
Was Tricarico besonders macht
Tricarico gilt als einziger Ort der Basilikata mit gleich zwei Stadtvierteln arabischen Ursprungs: Ràbata und Saracena. Ihre Gassen winden sich, enden immer wieder blind und liegen fast ganztägig im Schatten – eine Bauweise, die Schutz vor Angreifern und vor der Sonne bot. Daneben liegen die normannischen Viertel Monte und Piano mit ihrem regelmäßigen Grundriss, dazu die Civita, das archäologische Areal der Stadt. Diese fünf Viertel nebeneinander gibt es so kein zweites Mal in der Region.
Dazu kommt die kirchliche Bedeutung: Tricarico ist seit dem 10. Jahrhundert Bischofssitz. Wie sehr das die Stadt geprägt hat, zeigt eine Zahl aus einer Visitation von 1585 – damals wurden im Ort 52 Kirchen gezählt. Und schließlich ist Tricarico die Heimatstadt von Rocco Scotellaro, dem Dichter, der mit 23 Jahren Bürgermeister seiner Stadt wurde.
Sehenswürdigkeiten in Tricarico
Torre Normanna
Der runde normannische Turm ist das Wahrzeichen der Stadt: 27 Meter hoch, mit Mauern von mehreren Metern Stärke, Rest einer größeren Befestigungsanlage. Von oben reicht der Blick über das Basento-Tal bis zu den Dolomiti Lucane, bei klarer Sicht bis zum Ionischen Meer. Eine Eigenart des Turms: Wer auf dem Stein in der Mitte der Plattform steht und spricht, hört die eigene Stimme zurückkommen, als stünde er in einer Höhle.
Kathedrale Santa Maria Assunta
Die Kathedrale geht auf die Zeit um das Jahr 1000 zurück und wurde unter Robert Guiskard errichtet, ursprünglich romanisch. Ihr größter historischer Moment liegt im Jahr 1383: Hier wurde Ludwig I. von Anjou zum König von Neapel gekrönt. Aus dem 17. Jahrhundert stammen die barocken Stuckarbeiten; in den Kapellen hängen Werke von Pietro Antonio Ferro, einem der wichtigsten lukanischen Maler des 17. Jahrhunderts.
Kirche und Kloster Santa Chiara
Das Kloster der Klarissen sitzt an der Stelle der normannischen Burg – sie wurde dem Orden überlassen, die Grafen zogen in den Palazzo Ducale um. In der Cappella del Crocifisso ist einer der beiden großen Freskenzyklen von Pietro Antonio Ferro zu sehen.
Convento di Sant’Antonio da Padova
Im Kreuzgang des Klosters liegt der kunsthistorisch wertvollste Fund der Stadt: ein Freskenzyklus von 1648 von Cesare Scerra mit Szenen aus dem Leben und den Wundern des heiligen Franziskus und des heiligen Antonius, dazu Porträts der Ordensoberen.
Chiesa del Carmine und San Francesco
In der Karmeliterkirche hängt der zweite Ferro-Zyklus. Kirche und Kloster San Francesco gehören zu den ältesten Ordensniederlassungen der Stadt. Beide Kirchen sind nicht durchgehend geöffnet – ein Blick auf die Aushänge an den Portalen lohnt sich, oft öffnen sie zur Messzeit.
Palazzo Ducale
Der Palast der Grafen von Tricarico stammt im Kern aus dem frühen 14. Jahrhundert. Nachdem Ippolito Revertèra, Herzog von Salandra, 1631 das Lehen erworben hatte, wurde er bis ins 18. Jahrhundert umgebaut und erweitert. Seit März 2001 zeigt das Haus als Ausstellungszentrum eine archäologische Sammlung aus dem mittleren Basento-Tal, die belegt, wie wichtig diese Gegend schon in vorrömischer Zeit als Verkehrsknoten war.
Die Stadttore
Von der Stadtbefestigung stehen mehrere Tore: Porta Fontana, Porta del Monte, Porta della Ràbata, Porta della Saracena und Porta delle Beccherie. Sie sind die natürlichen Eingänge in die alten Viertel – wer durch die Porta della Ràbata geht, wechselt mit wenigen Schritten in ein völlig anderes Stadtbild. Erhalten sind außerdem die Türme Torre della Saracena und Torre della Ràbata.
Santa Maria dell’Olivo und Madonna di Fonti
Die Kirche Santa Maria dell’Olivo, meist Sant’Antonio Abate genannt, trägt ihren doppelten Titel sichtbar an der Fassade: zwei Steinfiguren, die Madonna mit Kind und einem Olivenzweig in der Hand und der Einsiedlerheilige Antonius. Im Januar ist sie der Ausgangspunkt des Karnevals. Außerhalb des Ortes liegt das Santuario della Madonna di Fonti, ein alter Wallfahrtsort.
Auf den Spuren von Rocco Scotellaro
Rocco Scotellaro (1923–1953) gilt als der Dichter der bäuerlichen Basilikata. 1946 wurde er mit 23 Jahren Bürgermeister von Tricarico; in seiner Amtszeit entstanden unter anderem ein Alphabetisierungsprogramm und das erste Krankenhaus des Ortes. In der Altstadt sind sein Wohnhaus und Tafeln mit seinen bekanntesten Versen zu sehen, sein Grabmal gestaltete das Mailänder Architekturbüro BBPR. Wer Carlo Levis „Christus kam nur bis Eboli“ gelesen hat, findet hier die andere Stimme derselben Landschaft.
Die Altstadt von Tricarico
Die Altstadt ist der eigentliche Grund für den Ausflug. In Ràbata und Saracena stehen die Häuser so dicht, dass sich die Gassen streckenweise zu Tunneln verengen; Sackgassen sind keine Planungsfehler, sondern Absicht. Zwischen den Vierteln liegen die Orti Saraceni, terrassierte Gärten, die bis heute nach altem Muster bewässert werden. In Monte und Piano wird der Grundriss schlagartig geradliniger – man merkt beim Gehen, wo eine andere Herrschaft gebaut hat.
Praktisch heißt das: feste Schuhe, die Gassen sind steil und gepflastert. Zwei bis drei Stunden sollte man für einen Rundgang einplanen, ohne Eile. Und man darf sich ruhig verlaufen – der Ort ist klein genug, dass man immer wieder an einer bekannten Ecke herauskommt.
Geschichte von Tricarico
Funde belegen eine Besiedlung des Gebiets seit dem 6. bis 5. Jahrhundert vor Christus. 849 wird erstmals eine befestigte Siedlung der Langobarden urkundlich erwähnt. Im 9. und 10. Jahrhundert war Tricarico arabische Festung und byzantinisches Kastron – aus dieser Zeit stammen die Viertel Ràbata und Saracena. Ab dem 10. Jahrhundert ist die Stadt Bischofssitz.
Mit den Normannen wurde Tricarico Grafschaft der Sanseverino und Sitz eines Connestabile, eines militärischen Befehlshabers. 1383 krönte man Ludwig I. von Anjou in der Kathedrale zum König von Neapel. Im 15. Jahrhundert lebte hier eine bedeutende jüdische Gemeinde, im 16. Jahrhundert siedelte sich unter Erina Castriota Scanderbeg eine albanische Gemeinde an. 1605 taucht Tricarico im „Theatrum urbium praecipuarum mundi“ auf, einem der bekanntesten Städteatlanten seiner Zeit. Den offiziellen Titel „Stadt“ trägt der Ort seit dem 25. Mai 2010.
Carnevale di Tricarico
Der Karneval von Tricarico ist kein Umzug mit Wagen und Konfetti, sondern ein Hirtenritual. Er beginnt am 17. Januar, dem Tag des heiligen Antonius Abbas, und wird am letzten Sonntag vor Aschermittwoch mit mehr Beteiligung wiederholt.
Die Masken stellen eine Herde dar: „mucche“, die Kühe, in bunten Bändern, und „tori“, die Stiere, ganz in Schwarz mit roten Bändern. Beide tragen breitkrempige Hüte mit Tüchern, von denen die Bänder bis zu den Knöcheln fallen, und jede Maske trägt einen eigenen Glockenklang am Gürtel. Bei Sonnenaufgang umrundet die Herde dreimal die Kirche Santa Maria dell’Olivo, zieht dann durch alle alten Viertel und löst sich schließlich in kleine Gruppen auf, die von Haus zu Haus gehen. Graf und Gräfin folgen in einer Kutsche. Carlo Levi hat das Schauspiel beschrieben – wer im Januar in Matera ist, hat hier einen guten Grund für die Fahrt.
Essen und Spezialitäten
Gegessen wird lukanisch und bäuerlich: Brot und Teigwaren aus Hartweizen, Pecorino und Caciocavallo, Wurst aus eigener Herstellung, dazu die peperoni cruschi – luftgetrocknete, kurz in Öl frittierte Paprika, die zu fast jedem Gericht gereicht werden. Die Gegend um Tricarico lebt vom Getreide, und das schmeckt man.
Eine Warnung, die für die ganze Basilikata gilt: Die wenigen Lokale im Ort kochen mittags und abends, dazwischen ist geschlossen. Wer zum Mittagessen bleiben will, sollte nicht nach 14 Uhr erscheinen und am besten vorher anrufen. Mehr zur Küche der Region steht auf unserer Seite Essen & Trinken.
Tricarico als Tagesausflug von Matera
Für die Altstadt genügt ein halber Tag. Wer den Turm besteigt, die Kirchen abklappert und in Ruhe zu Mittag isst, ist gut einen ganzen Tag beschäftigt. Die schönste Zeit ist das Frühjahr und der Herbst; im Hochsommer ist die Mittagshitze auf dem Bergrücken unangenehm, und zwischen 13 und 16 Uhr steht der Ort ohnehin still.
Gut kombinieren lässt sich Tricarico mit Grassano (18 km, rund eine halbe Stunde) oder mit den Dolomiti Lucane – Castelmezzano liegt 31 Kilometer entfernt, Pietrapertosa 30 Kilometer, beide etwa 40 Autominuten. Wer lieber einen zweiten stillen Ort sehen möchte, findet weitere Vorschläge in unserer Übersicht Ausflugsziele rund um Matera; thematisch am nächsten liegt Craco, das verlassene Dorf.
Anreise von Matera nach Tricarico
Mit dem Auto sind es rund 53 Kilometer und etwa eine Stunde Fahrt: zunächst über die SS 655 „Bradanica“, dann auf der alten Via Appia (heute SP 7 und SP 8) durch das Basento-Tal. Die Strecke ist kurvig, aber gut ausgebaut und landschaftlich schön.
| Weg | Fahrzeit | Strecke | Gut zu wissen |
|---|---|---|---|
| Mietwagen oder eigenes Auto | ca. 1 Std. | ca. 53 km | Die praktischste Lösung; am Rand der Altstadt parken |
| Linienbus (SITA Sud, Linien 348, 349, 351) | ca. 2 Std. 20 Min. | – | Nur wenige Fahrten am Tag, nicht an allen Wochentagen |
| Taxi oder Transfer | ca. 1 Std. | ca. 53 km | Preis vorher vereinbaren, Wartezeit einplanen |
Für einen Tagesausflug ist das Auto die einzige wirklich bequeme Möglichkeit – die Busse sind auf Pendler ausgelegt und brauchen mehr als doppelt so lange. Hinweise zum Mietwagen stehen unter Unterwegs in Matera, die allgemeine Anreise beschreibt Anreise nach Matera.
Geparkt wird am besten außerhalb der Altstadt, etwa an der Piazza Garibaldi; in die engen Gassen der alten Viertel fährt man nicht hinein.
Ein Tag in Tricarico – unser Routenvorschlag
Ein Rundgang, der alle wichtigen Sehenswürdigkeiten an einem Tag verbindet und die Stadt in ihrer historischen Schichtung zeigt – vom Turm über die normannischen Viertel in die arabischen und zurück:
- 9.30 Uhr – Ankunft und Orientierung. Parken an der Piazza Garibaldi, Kaffee in einer Bar am Platz, dann zu Fuß Richtung Altstadt.
- 10.00 Uhr – Torre Normanna. Der Turm an der Via Fuori Porta Monte ist der beste Einstieg: Von oben sieht man, wie die Stadt auf dem Rücken sitzt und wohin das Tal führt.
- 10.45 Uhr – Kathedrale Santa Maria Assunta. Innen die barocken Stuckarbeiten und die Ferro-Werke, davor der Blick über die Dächer.
- 11.30 Uhr – Santa Chiara und Palazzo Ducale. Das Klarissenkloster an der Stelle der alten Burg, danach die archäologische Sammlung im Palast der Grafen.
- 12.30 Uhr – Ràbata und Saracena. Durch die Porta della Ràbata in die arabischen Viertel, weiter zu den Orti Saraceni. Hier lohnt sich das Bummeln am meisten.
- 13.30 Uhr – Mittagessen. In einer Trattoria im Ort, lukanisch und ohne Eile.
- 15.30 Uhr – Convento di Sant’Antonio da Padova. Der Freskenzyklus von 1648 im Kreuzgang, danach die Chiesa del Carmine.
- 16.30 Uhr – Ausklang. Entweder hinaus zum Santuario della Madonna di Fonti oder zurück durch die Gassen, vorbei am Wohnhaus Rocco Scotellaros.
- 17.30 Uhr – Rückfahrt nach Matera, mit Abstecher nach Grassano, wenn noch Licht ist.
Kirchen und das Museum haben in kleinen Orten der Basilikata keine verlässlichen Öffnungszeiten. Wer sicher hineinkommen möchte, fragt am Vortag im Rathaus oder bei der Pro Loco nach – oder plant den Besuch auf einen Sonntagvormittag, wenn die Kirchen zur Messe offen stehen.
Warum sich ein Ausflug nach Tricarico lohnt
Matera ist berühmt, und das merkt man an manchen Tagen. Tricarico gehört zu den Geheimtipps der Basilikata und ist das Gegenteil: eine Stadt mit tausendjähriger Geschichte, in der niemand Eintritt nimmt und in der man sonntagmittags allein durch die Gassen läuft. Wer verstehen will, wie die Basilikata aussah, bevor der Tourismus kam, bekommt hier in wenigen Stunden mehr Antworten als in jedem Museum – und einen Blick vom Turm, der bei klarer Luft bis ans Meer reicht.